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22 Juni 2009

brombeermond


dem faltenwurf der sterne
entflieht schlafloses dunkel
neigt sich zu rotem azur
samtener brombeermond
aus schwarzen pappeln gesponnen
bitternis benetzt vielgefalteten
sonnenstrahl

trunkener gallwein
erdständigen verlangens
fruchttriebig gefiedert
aus hohlwangigen spindeln
erstickt sirenengesang und
bellerophon lacht wenn
die lippen erbleichen

süßgeruch aus fumarolen
nach gletschernden wassern
breitet sich über vielbrüstiges land
herzpochenden sonnenmühlen
als zu beiden seiten
fällt die chimäre
eine hälfte in demeters schoß

fliegender huftritt nordhoch
zu den gläsernen sternensäulen
berührt flüchtigen basalt und
aus den zweigen der dryade stürzen
umschmeicheln feuermeteore
samtenen brombeermond brennen
fallen in bellerophontes haar

tjm.

21 Juni 2009

Kindheitserinnerungen 1


Wie riecht das gut, wie riecht das fein!
Frau Mutter Braun kocht heute ein.
"Ich bitte, liebe Bärenfrau,
wie ist denn das Rezept genau?"
"Ich nehm drei Pfoten Heidelbeeren,
doch, bitte, ja nicht zu vergessen,
man muß nach Bärenpfoten messen,
den Zucker geb ich nach Gefühl,
und dann ein wenig Wasser dran,
ein bißchen bloß, sonst brennt es an.
Natürlich auch die ganze Zeit
gut rühren, gelt? Doch ist bestimmt
von allergrößter Wichtigkeit,
daß man die rechten Maße nimmt."

01 Juni 2009

kugel aus


luft und glas
konvex konkav und transparent
vielerlei vermag ich auf dir -
in dir zu erkennen:
durch dich hindurch
den hintergrund ver-
fließen schein und
wirklichkeit

tjm. - neubearb. 1.06.2009
Bildquelle: BrandtMarke

31 Mai 2009

Pfingstbestellung



Ein Pfingstgedichtchen will heraus ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus ins Neue, ins Grüne.


Wenn sich der Himmel grau bezieht,
mich stört’s nicht im Geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
der merkt doch, es ist Pfingsten.

Nun hab’ ich ein Gedicht gedrückt,
wie Hühner Eier legen,
und gehe festlich und geschmückt -
Pfingstochse meinetwegen -
dem Honorar entgegen.

Joachim Ringelnatz
Bildquelle: Raimund


Auch um die Jahrhundertwende vor einhundert Jahren, waren Reisen zu Pfingsten beliebt. Damals schon kam es schon zu Engpässen bei den Beförderungsmitteln, wie Karl Kraus in seinem nachfolgend auszugsweise wiedergegebenen Artikel aus der Fackel 80,31 (1901) uns vor Augen führt.

Unglücklicher Passagier einer Taussig-Bahn. Sie theilen mir
mit, dass sich die Verwaltung der Staatseisenbahn-Gesellschaft der
scandalösen Zustände, die vor einem Jahre von der ‚Fackel‘ beleuchtet
wurden, auch heute noch nicht zu schämen scheint. Die Verspätung
der Züge sei das einzige Regelmäßige in dem Chaos, das auf der
Strecke der Taussig-Bahn herrscht. Im Vollpfropfen der Waggons
werde, wenn auch noch so viele leere mitgehen, mit einer Rücksichts-
losigkeit vorgegangen, an der sich selbst die Südbahn ein Beispiel
nehmen könnte. Zu Pfingsten seien z. B. auch Gepäckswagen dazu
benützt worden, Passagiere der III. Wagenclasse aufzunehmen, die
sich einfach vor die Alternative gestellt sahen, entweder als Gepäck oder
gar nicht mitzufahren.


Kraus, Karl: Fackel 80,31 (1901)

30 Mai 2009

moiré



moiré-: es flieht dein
blick dem seidenkreis
tanzgeloderter gesichter
gedanken-
plankton verrät sich der
muschelfalle: zeit-

fischen ähnlich: gepfeilt -
im dunkellicht der bogen-
lampe

- sanft der mäander
- sanft dem lauf der rosen
dornen folgend - verlierst du
dich im ginstergrund
verglimmender figuren-
reigen-: im geviert des
goldenen granats

neigt sich den dünen zu -
der klang des schuppen-
mondes - nur
des gitarrenspielers müder
hand entgleitet fiebriger
zweifel

tjm. (2007)
Bildquelle: Ernst Rose

23 Mai 2009

Wir sollten ihn nicht vergessen ...







Ultra Violett,
das Einsame, sprach zu mir:
Noch lebe ich unsichtbar.
Aber ihr könnt mich alle empfinden.
Versucht es mich zu erkennen.
Ich will euch neue Sonnen,
Neue Welten geben.

Max Dauthendey (1867-1918)

Wir sollten ihn als einen der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland nicht vergessen.



nacht vor der reise
im Gedenken an Max Dauthendey

umfass meine hand in
der nacht deiner
augen und träume
noch einmal vom
sphärenblau bald
setzen wir das sonnen-
segel und stürzen
durch alle zeit

(tjm. - bearbeitet 23.05.2009)

21 Mai 2009

grüne träume...


grüne träume steigen auf
die fontaine in leuchtende
weiten geflohen dem basalt
des dämmernden horizonts
wo sieben sterne schlafen

dorthin folge der tief-
gegründeten spur wie
im traum sie steigen über
die randung der zeit und
fallen in eine neue nacht

tjm. – 19.05.2009