31 März 2009

Novembernachmittag in Nizza

Die Chronometer im winzigen Fenster der Uhrmacherwerkstatt von Monsieur Dantes konnten sich nicht einigen. Er musste schätzen, und sein Zeitgefühl sagte 14.00 Uhr. Es sind nur wenige Schritte von seinem Appartement hinunter zum Bistro an der Ecke. ‚Chez Raoul’ konnte man in Schreibschrift auf der Markise lesen. Schriftzug und Markisenstoff hatten sich mit den Jahren zu einem einheitlichen Farbton zwischen Rostrot und Kaffeebraun vermischt, der sich in das mediterrane Farbenspiel der Altstadt Nizzas einfügte.
Es war eine Atmosphäre aus Hafenspelunke, Museum für Filmplakate und First-Class-Restaurant, die Richie Ruehle beim Betreten des Bistros empfing, und die bereits Schauspieler, Literaten und Maler seit Jahrzehnten zu schätzen wussten. Robert de Niro musste hier schon anschreiben lassen, weil er das kleine Schild ‚Pas de téléphone, pas de cartes de crédit, pas de chèques’ übersehen hatte.
Richie ging auf Raoul zu. Eine kurze Begrüßung, ein Handschlag, dann setzte er sich an den langen Tisch gleich neben der Theke, seinem Stammplatz. Hinter ihm, an der Wand, küssten sich Cary Grant und Grace Kelly. ‚To Catch a Thief’, war auf dem Filmplakat von 1955 zu lesen. Die ‚Neue Zürcher Zeitung’ von vorgestern und das Handy legte Richie in Griffweite neben sich. Hinter dem Thresen, in T-Shirt, Jeans und Schürze, stand Raoul Rech und putzte Gläser.
„Hey Raoul, einen Espresso, ein Glas Wasser bitte. Und schreib’s an.“
„Geht in Ordnung, Anglais“, kam die prompte Antwort.
Richie beobachtete Raoul, der an der fauchenden Espresso-Maschine hantierte. Konnte so ein Küchenchef aussehen, dem die Grande Nation zu Füßen liegt? - Genau so - und das, seit er den mit zwei Michelin-Sternen bewerteten Kochlöffel im Hotelpalast Négresco abgegeben hatte. Zu dieser Unzeit war Richie der einzige Gast, und es roch nach kaltem Rauch. Erst am Abend würde sich das Bistro füllen, wenn die in den Palästen der ‚Promenade des Anglais’ verwöhnten Feinschmecker ins ‚Chez Raoul’ pilgerten.
Richie zückte Terminplaner und Bleistift. Für die nächste Woche plante er eine Reise nach Andorra la Vella. Er wollte sich in der Hauptstadt Andorras mit einem Klienten treffen, um einen neuen Fall zu besprechen, nachdem es zu Unregelmäßigkeiten in der Führungsriege gekommen war. Und der Auftrag kam zur rechten Zeit. Er würde wieder Geld in Richies leere Kassen spülen. Den letzten Besuch in der Spielbank von San Remo hatte er nicht ohne Grund aus seinem Gedächtnis gestrichen.
Die beiden Männer redeten nicht viel. Es war eine stille Übereinkunft, dass Raoul eine alte Schelllackplatte auflegte, wenn Richie im Bistro saß. Ihre gemeinschaftliche Leidenschaft gehörte dem Tango Argentino. Raoul genehmigte sich einen Bellet. Ein Wein von dem winzigen Weinberg zwischen den Nelkenkulturen von Nizza. Die Silberstimme eines Bandoneons durchschnitt die Luft, schwang sich, der Schwerkraft trotzend, nach oben. Das Schweben der Töne, die Dissonanzen und unmelodischen Phrasen erzeugten eine Stimmung von Verheißung, Illusion, Melancholie, Liebe und Hass. Wie bittersüßer Sirup kroch die Musik aus den Lautsprechern und brachte die Zeit in dem spärlich beleuchteten Gastraum scheinbar zum Stehen.
Richie rührte in seiner Espresso-Tasse. Sie war inzwischen leer. Er nahm sich den Zielplan für den nächsten Monat, dem Dezember 2001, aus seinem Terminplaner vor.
Mit kleiner Schrift quetschte er sein Leben in die zu engen Zeilen des Terminplaners. Erledigtes bekam einen Punkt. Unerledigtes wurde mit einem Kreis bestraft und kam wieder auf die Tagesordnung. Die Abkürzung ‚SMB’ bedeutete ;Sex mit Bernadette’. Dahinter stand in der Vergangenheit meistens ein Punkt und selten ein Strich, wobei letzteres die Unwiederbringbarkeit eines Moments, eine vertane Gelegenheit, kennzeichnete. Aber trotz seiner Planungen, die Anzahl der Striche in seinem Leben stieg stetig an, und das erklärte auch seine Afinität zur Tangomusik. Denn irgendwo in seinem Unterbewusstsein steckte doch der Zweifel darüber, dass das Schicksal vorhersehbar sei, dass alles so laufen würde, wie er sich das anhand seines Lebensplanes einzureden versuchte.
Raoul putzte noch immer Gläser. Für wenige Augenblicke kehrte die Realität zurück, als die erste Tango-Platte zu Ende war. Raoul blickte kurz zu Richie herüber, dann legte er eine neue Schelllackplatte auf.
Das Handy läutete. Richie ging ran und hörte lange zu. Dann leerte er das Wasserglas mit einem Zug. Seine Termine für die nächste Woche tilgte er stumm aus dem Terminplaner. Die Weisheiten des Tangos, sie hatten sich wieder einmal bewahrheitet.
Der Rhythmus begleitete ihn zur Tür. Richie drehte sich auf dem Absatz um. „Salut Raoul, kann etwas dauern“. Es klang nach einer Entschuldigung.
Der Klang des Bandoneons. Im Moment des Triumphes klang es voller Hass und Häme.
„Dann sehen wir uns die nächsten Tage nicht?“
„Nein“, erwiderte Richie beim Hinausgehen.

tjm.

2 Kommentare:

schreibtalk hat gesagt…

Lieber Tasso,

Wunderbar! Ich schätze deine Prosa sehr.

Herzlich,
Elsa

LitTalk hat gesagt…

Liebe Elsa,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar!

Tasso J.M.