
Der Schriftsteller Gert Jonke ist am Sonntagfrüh im Alter von 62 Jahren in einem Wiener Krankenhaus gestorben. Ein Bericht findet sich hierzu beim ORF. Der oftmals ausgezeichnete Autor veröffentlichte 1969 seinen ersten Roman mit dem Titel "Geometrischer Heimatroman". Mit dem Text "Erster Entwurf zu einer sehr langen Erzählung wurde Gert Jonke 1977 der erste Preisträger des damals neu geschaffenen Ingeborg-Bachmann-Preises.
Mir fällt dazu das Gedicht von Hilde Domin ein:
Bei jedem Wetter
Gestorben wird auch an blauen Tagen
bei jedem Wetter
Auch an blauen Tagen
bricht das Herz
Hilde Domin
Der Tod scheint in diesen Tagen eine besonders gute Ernte einzufahren. Mir ist dazu ein Textschnippsel aus früheren Zeiten in den Sinn gekommen.
Das große Spiel
Ich bin der andere, der dir auf deinen Wegen entgegen kommt – aber auch der Dritte. Doch wenn ich jeweils der andere – der Dritte – bin, dann bin ich auch du und du auch ich – und du auch der andere und der Dritte. Dann bin ich selbst auch ich und du selbst bist du. Und so wenig ich und du die Worte und Gedanken, die Gefühle der anderen, des Dritten, verstehen, so wenig verstehe ich mich oder du dich selbst, und jeder lebt für sich in seiner ihm unbegreifbaren erscheinenden Welt – denkt nach über den Sinn und Zweck seines Daseins. Bewundert und liebt sich, weint und lacht über sich selbst, schreit in seiner Verzweiflung die eigene Verlorenheit in die Nacht hinaus. In solchen Momenten konstatiert jeder für sich selbst die Lautlosigkeit der Gefühle in dieser Welt, denn keiner will verstehen, dass er die einzelne Karte in einem Kartenspiel ist; hört keiner die Schreie der anderen. Und obgleich die einzelne Spielkarte nur auf vergänglichem Papier gedruckt wurde, hat sie doch eine ihr zugedachte Gewichtung und Rolle im Spiel. In dem man seinen Gegner täuscht, dessen Gedanken erraten will, Mitgefühl über das Pech des anderen heuchelt, offen seine Schadenfreude zeigt; Allianzen mit den anderen Mitspielern bildet, wenn es zum eigenen Vorteil zu sein scheint. Doch jede Karte im Kartenspiel ist schlussendlich ersetzbar, genauso wie das Kartenspiel selbst. Und trotzdem geht das große Spiel weiter, das Leben heißt, mit gleichen, anderen Karten. Drum setze dich an den Tisch, und spiele Karten mit mir, diese Nacht, damit wir einander vielleicht verstehen. Zumindest für die Dauer eines kurzen Spiels – vielleicht auch bis zum Morgengrauen, wenn wir die Spieltische, die Kartenspiele, wieder wechseln.
Doch mische die Karten gut, mein lieber Freund, und ich werde dir zum Zeitvertreib eine kurze Geschichte erzählen. ...
(tjm.)
Links zum Thema:
ORF-Kärnten
SpiegelONLINE Kultur
FOCUS ONLINE Kultur
Gert Jonke bei Wikipedia
(tjm. - 5./6.01.2009)


4 Kommentare:
Lieber Tasso,
die Zeit erntet still - die guten Freunde
uns bekannte Gesichter verschwinden
ringsum nur Worthaufen liegen
in der Luft…
mfG
@miro
Lieber Miro,
eine Aphorisme, in der sich die Erkenntnis über die Vergänglichkeit widerspiegelt.
Danke für Deine Meldung!
Reinhard dPaI.
Lieber Reinhard,
hier ist ein Gedicht von mir über
die Vergänglichkeit:
über dem weiher
tänzelt der
nebelschwaden
silberner reif
leise ertönt
der ruf des
schwarzen vogels
19.03.1987
w.h.
Eine Frage :
Bei meiner Recherche über das Massaker von Maille bin ich auf eine sogenannte Penzberger Mordnacht vom 28. April 1945, die durch Mitglieder einer des so genannten " Werwolf Oberbayern " begangen wurde. Befindet sich der
Literaturkreis, von dem du immer schreibst in dieser Stadt bzw. in diesem Ort?
Liebe Grüße
Werner
Lieber Werner,
danke für Dein Gedicht. Es passt gut zum Thema. Du hast Recht, einige Tage vor Kriegsende kam es in Penzberg zu dem Massaker durch den "Werwolf Oberbayern".
Beste Grüße
Reinhard dPaI.
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