19 Juli 2008

Manfred F. Kolb wird siebzig

wasserschwätzige buhnen
aneinandergepfählt
im schwachwasser driftend:
wasserschwätzige buhnen,
dunkelgespült im mahlstrom,
zeitentflochten,
sich wiegend
im wandernden fahllicht-
ihr verlassenen stecklinge:
mühsam das vorland bewachend-
ihr zwischen den wassern,
gegen die himmel anschwimmend,
wohin keine flut dringt,
nur das wattsüchtige fahllicht,
das euer stigma behütet:
das vergessene schattenspiel,
landwärts gebrochen-
und immer im nebelflug

M.F.Kolb

Rechtzeitig zu seinem bevorstehenden Geburtstag ist sein Lyrikband:
70 Jahre - 70 Gedichte - 70 Limericks
Lyrik unterwegs in Zeit und Vergänglichkeit
docupoint Verlag, Magdeburg
ISBN 978-3-939665-81-6
erschienen.

Dem geneigten Leser möchte ich Manfred F. Kolbs Lyrik mit meinem Vorwort zum vorgenannten Werk näher bringen.

Vorwort

„Ich habe kein Zuhause, ich halte mich in Bereichen auf, die ich
mir erdenke; ich suche nach einem Land auf das niemand
einen Anspruch erheben kann: mein Niemandsland“,


so der Lyriker Manfred F. Kolb in seinen, dem Gedicht „entfernung“ vorangestellten Zeilen. Seine Lyrik läßt sich nicht verorten, verweist sie doch aus dem „hierland“ über den Horizont als „zwischengleiche“ hinaus in ein „anderland“; wohnt ihr mit ihrer Transzendenz eine entgrenzte Topographie inne, die uns im übertragenen Sinne an das Umherziehen im Leben, das Vagabundensein, ein kurzes Verweilen (wie im „Grenzgang“ zwischen Wasser, Land und Horizont), der immerwährenden Suche, erinnert.

„im hierland
leb ich
wie im anderland“,


so heißt es weiter in dem bereits angesprochenen Gedicht „entfernung“. Diese drei Zeilen sind Programm für Manfred F. Kolbs Schaffen. Und so ist es eines der wenigen Gedichte mit leitmotivischem Charakter, in dem der Lyriker seine Zurückhaltung aufgibt und durch das lyrische Ich sich mit seinem „Programm“ an den Leser wendet. In diesem Zusammenhang verdient neben den übrigen Gedichtzyklen im Gedichtband „gefühlte zeit“, der Zyklus „alsen: eine zementierte brachschöpfung“, der besonderen Beachtung innerhalb des bisherigen Gesamtwerks. Es ist nicht nur die sich übersteigernde Emphase zum Schluss des Prologs hin, vielmehr enthält der Text, neben der lyrisch aufgearbeiteten Faszination an der Morbidität, auch die Hinwendung an die als vollkommen empfundene Schöpfung, die das religiöse Bekenntnis des Lyrikers zum Schöpfungsgedanken, zur Genese; zum Leben und Werden; der Wiedererweckung erkennen lassen:

ich spüre die langsame schöpfung
in jedem sprieß der trümmerblume:
ich fühle leben
unter der hülle des planeten –
unbändig
unbeirrbar.
(Prolog; 8. Bild)


Damit entfernt sich Manfred F. Kolb von der klassischen Behandlung der Morbidität, der Intensität der Vergänglichkeit (Häßlichkeit), so wie Rimbaud sie verstanden hat. Zwar setzt er in seinem Prolog auf die Kontrastdynamik zwischen der Morbidität (dem Häßlichen) und der Nachhaltigkeit der Schöpfung bzw. der Genesis, repräsentativ für das Gute und Schöne, jedoch sind diese Gegensätzlichkeiten für ihn (im Gegensatz zu Rimbaud) nicht nur Reizvarianten sondern gleichgewichtete Wertgegensätze.

Doch was zeichnet Manfred F. Kolbs Lyrik weiters aus? Es ist die ihm eigene Wortarbeit, das Festhalten an lyrischen Prinzipen, wie der Form, (Einwurf: letztere minimalistisch zwar) die nicht nach zeitgenössischen Effekten hascht. Er beherrscht dabei die ganze Klaviatur der Stilelemente, wie Klang- und Lautmalerei, Dissonanz und Metaphorik – um nur einige zu nennen. In seinem Lyrikband „gescherbte zeit“ schreibt der Dichter darüber hinaus zu seiner Wortarbeit: „Mit der Kreierung, Umformung und neuen Sinngebung von Worten will ich tradierte Sprach- und Vorstellungsbarrieren überwinden und frei assoziierbare Interpretationen aus einem inkongruenten Sprachverständnis heraus ermöglichen“. Manfred F. Kolb ahmt nicht nach, sondern beschreitet, was seine Lyrik betrifft seinen eigenen Weg. So schreibt er im Nachwort zu seinem Gedichtband „gefühlte zeit“ auch: „Mit den Elementen Wortneuschöpfung und Sprachformung will ich einen Weg fortsetzen, den schon der Nachkriegslyriker Paul Celan beschritten hatte“. Der Dichter legt mit der ihm eigenen Stringenz und knappen Diktion die Bedeutungsinhalte frei – mögen diese auch für den Leser überraschend sein – ohne dabei kopflastig zu wirken. Im Gegenteil: Es stellt sich für den Leser – so er sich auf die Gedichte einläßt – ein Ergriffensein ein, (vgl. „die kinder von ardèche“) eine Erschütterung oder auch innere Bewegung. Manfred F. Kolb als Beobachter wertet nicht. Er beschreibt, umschreibt das „Wie“, niemals das „Warum“ oder das „Weshalb“, und es sind, so man die Entwicklung seines Schreibens betrachtet, gerade die Texte der späteren Jahre „Gedichte des Intellekts“ – Stücke anspruchsvoller Gedankenlyrik – und trotzdem: kein Gedicht bedarf der Betrachtung mit Einbezug des Gesamtwerks oder dessen dichterischen Kontexts, um sich an den Inhalt eines Textes herantasten zu können.

wo still dein antlitz an dem meinen ruht
zur nacht
da deine haare sterne sprühn
möchte ich für immer bei dir sein
[...]
(frühe Gedichte: „elegie“)


Sind seine frühen Gedichte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts inhaltlich noch von einer strikten Innerlichkeit, so ändert sich sein Schreiben durch die Anstöße und Beeinflussung durch Carl Werner und Paul Celan, u.a. durch Absolvierung diverser Symposien mit den Dichtern: 1960/1961 und 1961/1964/1967. (Gedichtband „gescherbte zeit“; Kap. „Über mich“) Wie ein roter Faden zieht sich die Themenbezogenheit durch Manfred F. Kolb bisheriges Werk; die Inhaltsführung teilweise stringent und zielführend, teilweise um die Kernaussage mäandernd oder kreisend, und erst in jüngster Zeit greift der Lyriker die Collage-Technik auf, indem er auf das vielleicht zufällige, vielleicht auch provozierte Zusammentreffen von Begriffen aus unterschiedlichen Begriffsbereichen oder wesensfremden Realitäten:

[...]
schottergeräusche vom
abrieb der radkränze
ertaubt linige stationen
fluchtartig erleuchtet
ein schlangenleib
in der nachtwüste
(aus „nachwüste“)


Dies alles zusammen ergibt nunmehr eine andere – weniger von der Kernbedeutung der Worte als vielmehr vom Klang und den semantischen Randzonen lebende – Lyrik, teils schwebend unbestimmt der Sinn und teilweise surrealistisch anmutend.

„Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann
Arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang“


Dieser Ausspruch von Brecht gilt gerade auch für die Lyrik des Manfred F. Kolb. Es ist die erkennbare Liebesbeziehung mit der Sprache, so wie Hilde Domin, auch mit Hinweis auf Gottfried Benn, sie in ihrem Werk „Wozu Lyrik heute“ beschrieben hat: (Zitat:) „Dies Direkte und Exklusive, diese heißkalte Leidenschaft auf Gedeih und Verderb“. Manfred F. Kolb besitzt zweifelsohne dieses „primäre Verhältnis zur Sprache“, etwas Ähnliches wie das absolute Gehör, das weder summiert noch addiert, sondern nur Aggregatszustände transformiert.

Die Betrachtung des Werks wäre unvollständig, würde man nicht die literarischen Gefährten Thomas Beller aus Burg und Dirk Uwe Becker aus Linden benennen, die, um Manfred F. Kolbs Worte sinngemäß zu verwenden, ihn in unterschiedlicher Weise durch Höhen und Tiefen des Dichtens begleitet haben; zu erwähnen dabei auch seine Frau Rosemarie, deren unbestechliche Kritik explizit im Vorwort des Gedichtbands „gefühlte zeit“ er rühmt.
Seit einigen Jahren darf sich auch der Verfasser dieses Vorworts zu den Mitstreitern Manfred F. Kolbs zählen. Es verbindet sie eine enge Freundschaft und eine fruchtbare Zusammenarbeit. Dem Jubilar wünsche ich persönlich alles erdenklich Gute, auf dass er noch viele Jahre mit ungebrochener Schaffenskraft wirken kann.

Reinhard Mermi
(Tasso J. Martens)
– März 2008 –

gedächtnisachse

I

unter der dünung
ruht die zeit
in der amphore
schreibt sich ins blau
gesintertes perlmutt
hin zu den stelen

Eine andere Welt als unsere Wirklichkeit, so wie wir sie erfahren, haben wir nicht, da wir sie auch nicht erfahren könnten, so sie existieren würde, weil wir dafür nicht geschaffen sind. Es ist deshalb müßig nach anderen Welten Ausschau zu halten, selbst das Nichts ist Teil unserer Wirklichkeitswelt. Denn das Wesen des Nichts erkennen wir nur als Berandung unserer Wirklichkeitswelt. Mit diesem Verständnisbild ist damit die Existenz von anderen Wirklichkeitswelten nicht ausgeschlossen, ja es enthielte die tröstliche Einsicht, dass unser Nichts Teil einer anderen Wirklichkeitswelt ist. Doch aus welchem Stoff ist - für uns - unsere Wirklichkeitswelt? Es ist zum einen die Materie, und es sind die gesetzmäßen Vorgänge um uns, deren Abfolge wir mit dem imaginären Begriff der Zeit verbinden. Aber es ist noch mehr. Die Wirklichkeitswelt wird erst zu unserer Wirklichkeit, bzw. kann von uns als Wirklichkeit verstanden werden, wenn wir unsere Gedanken, Assoziationen und Reflexionen - man könnte sie als das "gedankliches Echo" unseres Seins im "Hallraum" der Wirklichkeitswelt bezeichnen - mit einbeziehen. Damit sind wir selbst Teil der Wirklichkeit, ja gäbe es ohne unsere Existenz keine Wirklichkeit, so auch die Zeit ohne uns nicht existieren würde. Und noch eine Erkenntnis ergibt sich daraus: Die Wirklichkeit kann ohne das "Ideelle" nicht existieren, aber auch nicht ohne das "Materielle", ja beide Bereiche brauchen einander in der Ergänzung.

II

brücken ungewegt
aus dem hallraum
zur brache gelotet sie
stummen wie reet
die noch wiegenden
halme und nimmt
sich zurück ein
anderes licht

tjm. 14./17.02.2007

11 Juli 2008

Lesung im Literaturhaus Berlin am 20.06.2008

Zu unserer Lesung (Manfred Kolb und meiner Wenigkeit) gibt es nun eine Besprechung vom FDA - Landesverband Berlin (Frau Dr. Renate Scheffel), der auch Veranstalter war.


Dr. Renate Scheffel
für den Freien Deutschen Autorenverband * Landesverband Berlin

Im Berliner Telefonbuch sind 13 Goethe verzeichnet; darunter immerhin auch einWolfgang. All jene, deren Anschluss unter dem Namen Schiller zu erreichen ist, verteilen sich auf drei Spalten. Aber nur zwei heißen obendrein auch noch Friedrich.

Wie kam ich jetzt darauf ?
Ach ja: Also Lyrik scheinen die alle nicht zu schreiben. Und falls d o c h , dann höchstens heimlich. Jedenfalls habe ich bislang noch keine Veranstaltungshinweise entdeckt, die angekündigt hätten, dass Wolfgang Goethe oder Friedrich Schiller eine Lesung seiner selbst produzierten Lyrik durchführe. Wär'ja auch literarisch ungemein verpflichtend - so was.- Anders ist das natürlich mit Peter Rühmkorf. Aber hinsichtlich seiner Gedichte kann man durchaus geteilter Meinung sein (wozu ich mich hier wohl besser n i c h t äußere). Wer nun jedoch einen ganz normalen Beruf hat und trotzdem dichtet, sich obendrein auch noch traut, Lesungen durchzuführen, mit einem Namen, der nicht den historischen oder aktuellen Berühmtheitsgrad jener drei Vorgenannten hat, der muss sich schon was einfallen lassen, um Hörpublikum anzulocken und dann auch noch zu begeistern. Aber genau d a s ist Manfred Kolb und Reinhard Mermi gelungen. Der Freie Deutsche Autorenverband veranstaltete im Kaminraum des Literaturhauses Berlin eine Lesung und die beiden Lyriker trugen aus ihren veröffentlichten Büchern vor. Nun ja; das machen Literaten ja meist so; denn für solche Zwecke ist ein Literaturhaus schließlich da. Aber anderthalb Stunden Gedichte mit anspruchsvollem Inhalt vorzutragen, sowas erfordert eine Idee der Durchführung, um das Interesse des Publikums aufmerksam zu halten...

Manfred Kolb und Reinhard Mermi - die Namen sollte sich merken, wer an moderner Lyrik interessiert ist - haben sich für ihre literarische Arbeit mit zugehörigen Lesungen eine interessante Vorgehensweise einfallen lassen; sie beginnt bei der "Produktion" und setzt sich im Vortrag fort. Die Autoren scheinen mir Erfinder einer lyrischen Entwicklungsarbeit, welche sich folgendermaßen darstellen lässt:
Über die Entfernung zwischen Bayern und Potsdam hinweg, führen sie - per Internet - > ... getrennte dichterische Bearbeitung eines gemeinsam gefundenen Themas unter gegenseitiger formaler Abstimmung < durch. Daraus entstehen Parallelgedichte. Oder beide Autoren komplettieren einen lyrischen Entwurf durch den jeweiligen Gegenpart. Das Ergebnis nennen sie Supplementgedichte.

Am interessantesten aber scheint mir ihr Ineinanderschreiben zweier – getrennt voneinander – über ein gemeinsames Thema entstandener Gedicht-Entwürfe. Daraus entstehen dann Flechtgedichte.
Und diese Ergebnisse werden von beiden Autoren – exakt auf einander bezogen – in stimmiger Abwechslung – vorgetragen. Im staunenden Zuhören erkennt man Gemein-samkeiten, die ihren Ursprung in verwandten Visionen zu haben scheinen.

Sollte man sich anhören !
Der Freie Deutsche Autorenverband wird die beiden erfolgreichen Lyriker erneut einladen und den Lesetermin rechtzeitig bekannt geben.
Bis dahin könnte man sich schon mal in ihre Gedichtform hinein-empfinden. Dazu böte sich u. a. folgender Titel ihrer veröffentlichten Bücher an:

Wortbruch - mit 12 Collagen von Dirk Becker . 12,-€ * 1.Aufl. 2006
elbaol verlag für printmedien * e-mail:: elbaol@web.de..* Fon & Fax: +49(0)40 27 86 11 88