wasserschwätzige buhnen aneinandergepfählt
im schwachwasser driftend:
wasserschwätzige buhnen,
dunkelgespült im mahlstrom,
zeitentflochten,
sich wiegend
im wandernden fahllicht-
ihr verlassenen stecklinge:
mühsam das vorland bewachend-
ihr zwischen den wassern,
gegen die himmel anschwimmend,
wohin keine flut dringt,
nur das wattsüchtige fahllicht,
das euer stigma behütet:
das vergessene schattenspiel,
landwärts gebrochen-
und immer im nebelflug
M.F.Kolb
Rechtzeitig zu seinem bevorstehenden Geburtstag ist sein Lyrikband:
70 Jahre - 70 Gedichte - 70 Limericks
Lyrik unterwegs in Zeit und Vergänglichkeit
docupoint Verlag, Magdeburg
ISBN 978-3-939665-81-6
erschienen.
Dem geneigten Leser möchte ich Manfred F. Kolbs Lyrik mit meinem Vorwort zum vorgenannten Werk näher bringen.
Vorwort
„Ich habe kein Zuhause, ich halte mich in Bereichen auf, die ich
mir erdenke; ich suche nach einem Land auf das niemand
einen Anspruch erheben kann: mein Niemandsland“,
so der Lyriker Manfred F. Kolb in seinen, dem Gedicht „entfernung“ vorangestellten Zeilen. Seine Lyrik läßt sich nicht verorten, verweist sie doch aus dem „hierland“ über den Horizont als „zwischengleiche“ hinaus in ein „anderland“; wohnt ihr mit ihrer Transzendenz eine entgrenzte Topographie inne, die uns im übertragenen Sinne an das Umherziehen im Leben, das Vagabundensein, ein kurzes Verweilen (wie im „Grenzgang“ zwischen Wasser, Land und Horizont), der immerwährenden Suche, erinnert.
„im hierland
leb ich
wie im anderland“,
so heißt es weiter in dem bereits angesprochenen Gedicht „entfernung“. Diese drei Zeilen sind Programm für Manfred F. Kolbs Schaffen. Und so ist es eines der wenigen Gedichte mit leitmotivischem Charakter, in dem der Lyriker seine Zurückhaltung aufgibt und durch das lyrische Ich sich mit seinem „Programm“ an den Leser wendet. In diesem Zusammenhang verdient neben den übrigen Gedichtzyklen im Gedichtband „gefühlte zeit“, der Zyklus „alsen: eine zementierte brachschöpfung“, der besonderen Beachtung innerhalb des bisherigen Gesamtwerks. Es ist nicht nur die sich übersteigernde Emphase zum Schluss des Prologs hin, vielmehr enthält der Text, neben der lyrisch aufgearbeiteten Faszination an der Morbidität, auch die Hinwendung an die als vollkommen empfundene Schöpfung, die das religiöse Bekenntnis des Lyrikers zum Schöpfungsgedanken, zur Genese; zum Leben und Werden; der Wiedererweckung erkennen lassen:
ich spüre die langsame schöpfung
in jedem sprieß der trümmerblume:
ich fühle leben
unter der hülle des planeten –
unbändig
unbeirrbar.
(Prolog; 8. Bild)
Damit entfernt sich Manfred F. Kolb von der klassischen Behandlung der Morbidität, der Intensität der Vergänglichkeit (Häßlichkeit), so wie Rimbaud sie verstanden hat. Zwar setzt er in seinem Prolog auf die Kontrastdynamik zwischen der Morbidität (dem Häßlichen) und der Nachhaltigkeit der Schöpfung bzw. der Genesis, repräsentativ für das Gute und Schöne, jedoch sind diese Gegensätzlichkeiten für ihn (im Gegensatz zu Rimbaud) nicht nur Reizvarianten sondern gleichgewichtete Wertgegensätze.
Doch was zeichnet Manfred F. Kolbs Lyrik weiters aus? Es ist die ihm eigene Wortarbeit, das Festhalten an lyrischen Prinzipen, wie der Form, (Einwurf: letztere minimalistisch zwar) die nicht nach zeitgenössischen Effekten hascht. Er beherrscht dabei die ganze Klaviatur der Stilelemente, wie Klang- und Lautmalerei, Dissonanz und Metaphorik – um nur einige zu nennen. In seinem Lyrikband „gescherbte zeit“ schreibt der Dichter darüber hinaus zu seiner Wortarbeit: „Mit der Kreierung, Umformung und neuen Sinngebung von Worten will ich tradierte Sprach- und Vorstellungsbarrieren überwinden und frei assoziierbare Interpretationen aus einem inkongruenten Sprachverständnis heraus ermöglichen“. Manfred F. Kolb ahmt nicht nach, sondern beschreitet, was seine Lyrik betrifft seinen eigenen Weg. So schreibt er im Nachwort zu seinem Gedichtband „gefühlte zeit“ auch: „Mit den Elementen Wortneuschöpfung und Sprachformung will ich einen Weg fortsetzen, den schon der Nachkriegslyriker Paul Celan beschritten hatte“. Der Dichter legt mit der ihm eigenen Stringenz und knappen Diktion die Bedeutungsinhalte frei – mögen diese auch für den Leser überraschend sein – ohne dabei kopflastig zu wirken. Im Gegenteil: Es stellt sich für den Leser – so er sich auf die Gedichte einläßt – ein Ergriffensein ein, (vgl. „die kinder von ardèche“) eine Erschütterung oder auch innere Bewegung. Manfred F. Kolb als Beobachter wertet nicht. Er beschreibt, umschreibt das „Wie“, niemals das „Warum“ oder das „Weshalb“, und es sind, so man die Entwicklung seines Schreibens betrachtet, gerade die Texte der späteren Jahre „Gedichte des Intellekts“ – Stücke anspruchsvoller Gedankenlyrik – und trotzdem: kein Gedicht bedarf der Betrachtung mit Einbezug des Gesamtwerks oder dessen dichterischen Kontexts, um sich an den Inhalt eines Textes herantasten zu können.
wo still dein antlitz an dem meinen ruht
zur nacht
da deine haare sterne sprühn
möchte ich für immer bei dir sein
[...]
(frühe Gedichte: „elegie“)
Sind seine frühen Gedichte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts inhaltlich noch von einer strikten Innerlichkeit, so ändert sich sein Schreiben durch die Anstöße und Beeinflussung durch Carl Werner und Paul Celan, u.a. durch Absolvierung diverser Symposien mit den Dichtern: 1960/1961 und 1961/1964/1967. (Gedichtband „gescherbte zeit“; Kap. „Über mich“) Wie ein roter Faden zieht sich die Themenbezogenheit durch Manfred F. Kolb bisheriges Werk; die Inhaltsführung teilweise stringent und zielführend, teilweise um die Kernaussage mäandernd oder kreisend, und erst in jüngster Zeit greift der Lyriker die Collage-Technik auf, indem er auf das vielleicht zufällige, vielleicht auch provozierte Zusammentreffen von Begriffen aus unterschiedlichen Begriffsbereichen oder wesensfremden Realitäten:
[...]
schottergeräusche vom
abrieb der radkränze
ertaubt linige stationen
fluchtartig erleuchtet
ein schlangenleib
in der nachtwüste
(aus „nachwüste“)
Dies alles zusammen ergibt nunmehr eine andere – weniger von der Kernbedeutung der Worte als vielmehr vom Klang und den semantischen Randzonen lebende – Lyrik, teils schwebend unbestimmt der Sinn und teilweise surrealistisch anmutend.
„Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann
Arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang“
Dieser Ausspruch von Brecht gilt gerade auch für die Lyrik des Manfred F. Kolb. Es ist die erkennbare Liebesbeziehung mit der Sprache, so wie Hilde Domin, auch mit Hinweis auf Gottfried Benn, sie in ihrem Werk „Wozu Lyrik heute“ beschrieben hat: (Zitat:) „Dies Direkte und Exklusive, diese heißkalte Leidenschaft auf Gedeih und Verderb“. Manfred F. Kolb besitzt zweifelsohne dieses „primäre Verhältnis zur Sprache“, etwas Ähnliches wie das absolute Gehör, das weder summiert noch addiert, sondern nur Aggregatszustände transformiert.
Die Betrachtung des Werks wäre unvollständig, würde man nicht die literarischen Gefährten Thomas Beller aus Burg und Dirk Uwe Becker aus Linden benennen, die, um Manfred F. Kolbs Worte sinngemäß zu verwenden, ihn in unterschiedlicher Weise durch Höhen und Tiefen des Dichtens begleitet haben; zu erwähnen dabei auch seine Frau Rosemarie, deren unbestechliche Kritik explizit im Vorwort des Gedichtbands „gefühlte zeit“ er rühmt.
Seit einigen Jahren darf sich auch der Verfasser dieses Vorworts zu den Mitstreitern Manfred F. Kolbs zählen. Es verbindet sie eine enge Freundschaft und eine fruchtbare Zusammenarbeit. Dem Jubilar wünsche ich persönlich alles erdenklich Gute, auf dass er noch viele Jahre mit ungebrochener Schaffenskraft wirken kann.
Reinhard Mermi
(Tasso J. Martens)
– März 2008 –


